Grad der Behinderung (GdB) bei Autismus

Autismus (Frühkindlicher Autismus, Autistische Störung, Asperger-Syndrom usw.) ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung, die bereits im Kindesalter vor dem 3. Lebensjahr beginnt. In Deutschland sind vier bis fünf von 10 000 Kindern und Jugendlichen von einem frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) betroffen. Unter Zugrundelegung dieser Zahlen muss  mit etwa 5 000 autistischen Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen fünf und 15 Jahren gerechnet werden. 

Häufig wird die Erkrankung auch als Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung bezeichnet – in Ihrem Zentrum steht eine schwere Beziehungs- und Kommunikationsstörung. Was bedeutet: Autisten können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Die Reaktionen auf Empfindungen anderer Menschen oder Verhaltensanpassungen an soziale Situationen sind selten angemessen.

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Autistische Störungen erhalten einen GdB je nach Ausmaß der sozialen Anpassungsschwierigkeiten

Die Auswirkungen dieser Störung beeinflussen und behindern auf vielfältige Weise die Beziehungen zur Umwelt, die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft sowie die Fähigkeit zur Eingliederung in die Gesellschaft. Denn neben emotionalen und interaktionalen Funktionen sind auch kognitive, sprachliche und motorische Funktionen betroffen. Häufig wird Autismus als geistige Behinderung gewertet, was jedoch nicht richtig ist. Wenn zusätzlich zu der Autismus-Diagnose eine geistige Behinderung vorliegt, dann sind diese Menschen mehrfach behindert – was nicht selten vorkommt, aber nicht grundsätzlich vorausgesetzt werden kann. Wie bei allen Mehrfachbehinderungen verlagert sich der Schwerpunkt der Behinderung mit dem Lebensalter.

Viele Betroffene sehen sich nicht als behindert an und lehnen die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises ab. Wenn Sie sich dafür entscheiden, zunächst den „Grad der Behinderung“ (GdB) wegen einer autistischen Störung feststellen zu lassen, dann wenden Sie sich dafür an das örtliche Versorgungsamt. Nach Einreichung aller erforderlichen Unterlagen werden die amtlichen Gutachter in einem etwa dreimonatigen Verfahren Ihren GdB ermitteln. Der „Grad der Behinderung“ (GdB) gilt als Maßeinheit für die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Auswirkungen einer Funktionsbeeinträchtigung aufgrund eines Gesundheitsschadens. Im Falle, dass diese  Funktionsbeeinträchtigung länger als sechs Monate anhält und von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht, spricht man von einer Behinderung. Der GdB wird in Zehnergraden angegeben, der niedrigste liegt bei 20 und der höchste bei 100. Was bedeutet: Ab einem GdB von 20 gilt man als behinderter Mensch. Bei einem Grad von 50 und höher liegt sogar eine Schwerbehinderung vor, dann erhält der Betroffene einen Ausweis.

Grundlage für die Ermittlung des GdBs sind die sogenannten „Versorgungsmedizinischen Grundsätze“, die unterschiedlichen Krankheiten sind dort tabellarisch aufgeführt. Darunter auch die Autistischen Störungen – allerdings hat sich seit dem 1.1.2011 einiges geändert. Bezüglich der Differenzierungen nach dem Ausmaß der sozialen Anpassungsschwierigkeiten wurden folgende Abstufungen vorgenommen:

  • ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 10–20
  • mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 30–40,
  • mit mittleren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 50– 70
  • mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 80–100

Kurz zum Verständnis: „Der Grad der Schädigungsfolgen“ (GdS) und der „Grad der Behinderung“ (GdB) unterscheiden sich inhaltlich nicht und werden nach den gleichen Grundsätzen bemessen. Es besteht hier lediglich eine terminologische Unterscheidung: Im Schwerbehindertenrecht spricht man vom GdB, im sozialen Entschädigungsrecht vom GdS.

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Liegt Autismus vor, kann auch eine rückwirkende Feststellung des GdBs beantragt werden

Bei stärkeren autistischen Ausprägungen können bei einer Schwerbehinderung – also ab einem GdB von 50 – noch gewisse Merkzeichen hinzukommen. Es handelt sich dann häufig um die Merkzeichen „H“ (Hilflosigkeit), „G“ (Einschränkung des Gehvermögens) und „B“ (Notwendigkeit ständiger Begleitung).

Sicher ist Ihnen bewusst, dass Sie bei Ausstellung eines Schwerbehindertenausweises eine Reihe von Erleichterungen und Vorteilen haben: Sie erhalten nicht nur finanzielle Vergünstigungen im öffentlichen Nahverkehr und bei Theater- und Museenbesuchen, sondern genießen auch besondere Rechte im Berufsleben, beim Rentenanspruch und bei der Pflegeversicherung. Wenn Ihnen außerdem Merkzeichen zuerkannt werden, dann erhalten Sie Vergünstigungen, die in verschiedenen Rechtsbereichen über die Vergünstigungen hinausgehen, die ein Schwerbehinderter ohne Merkzeichen erhält. In punkto Steuern dürfen die Betroffenen krankheitsbedingte Mehrkosten mindernd gelten machen. Entweder können Sie diese im Einzelnen durch Belege nachweisen oder sie nehmen einen jährlichen Pauschbetrag in Anspruch. Je nach Höhe des GdBs muss weniger Einkommens-Steuer gezahlt werden.

Ein Tipp: Da die Wahrnehmungsverarbeitung bei Autisten von Geburt an anders ist, kann eine rückwirkende Feststellung beantragt werden, wobei mit entsprechenden, älteren Gutachten  nachzuweisen ist, inwieweit die Voraussetzungen für eine bestimmte Einstufung zu einem früheren Zeitpunkt gegeben war.
Zumindest die Steuerbescheide kann man noch für einige Zeit rückwirkend ändern lassen.

Bei Feststellung einer Behinderung aufgrund von Autismus ist für das Arbeitsleben folgendes zu beachten: Die Ausbildung und Beschäftigung der Betroffenen stellt für Betriebe eine ungewöhnliche Herausforderung dar. Daher benötigen sie kompetente Unterstützung, beispielsweise durch die Integrationsfachdienste. Diese können die Einarbeitung organisieren, passende Unterweisungsstrategien vermitteln sowie Vorgesetzte und Kollegen über die Behinderung aufklären. Darüberhinaus stehen den Betrieben grundsätzlich alle Leistungen der  Integrationsämter im Arbeitsleben zur Verfügung.

Es darf nicht übersehen werden, dass autistische Menschen über Eigenschaften und Talente verfügen, die sie für bestimmte Tätigkeiten sogar prädestinieren. So zeigen sie eine überdurchschnittliche Beobachtungsgabe, eine ausgeprägte Merkfähigkeit selbst für kleinste Details sowie oft großes Interesse an technischen Dingen. Autisten können gut mit Aufgaben betreut werden, die monoton sind, aber eine hohe Konzentration erfordern. Manche von ihnen entwickeln oft Spezialinteressen und reifen darin zu wahren Experten. Man spricht dabei von „Inselbegabungen“, die für Ausbildung und Beruf gezielt genutzt werden können.

Menschen mit autistischen Störungen tun sich schwer mit Aufgaben, die eine spontane Kommunikation mit Kunden und Kollegen erfordern. Auch einer doppeldeutigen Kommunikation können Autisten nur schwer folgen, da sie abstrakte Sprache oder Ironie nicht verstehen. Was die Umgebung angeht, ist eine hohe Reizbelastungen am Arbeitsplatz, etwa durch starke Umgebungsgeräusche, viel Durchgangsverkehr oder eine wechselnde visuelle Umgebung zu vermeiden.

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