Autismus

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die schon im Kindesalter auftritt. Aufgrund von Einschränkungen im Verhalten und im sozialen Umgang benötigen die meisten Autisten Hilfe und Unterstützung, um ihren Alltag zu bewältigen – ein Leben lang.

Pflege und Pflegestufe bzw. Pflegegrad bei Autismus

Pflege ist kein Thema, das sich allein auf körperliche Krankheiten beschränkt. Vielmehr gehören, und das insbesondere seit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) aus dem Jahr 2016, auch geistige und psychische Erkrankung und Beeinträchtigungen zu dem breiten Spektrum der Pflege und der Pflegebedürftigkeit. Seitdem ermöglicht es auch an Autismus erkrankten Menschen Pflegeleistungen durch eine Pflegestufe bzw. Pflegegrad zu beziehen. Eine Krankheit, die zwar in der Regel keine direkte Unterstützung bei alltäglichen Verrichtungen wie der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität benötigt, aber die Betroffenen dennoch stark in ihrer Selbstständigkeit einschränkt, ist Autismus.
Es sind diverse Einschränkungen des Alltags, die eine Pflegebedürftigkeit rechtfertigen können. Wie bei vielen geistigen Beeinträchtigungen ist es jedoch nicht immer leicht, mit der Diagnose Autismus einen Pflegegrad (vormals Pflegestufe) zu erhalten und auf Leistungen der Pflegeversicherung zugreifen zu können. Was aber ist Autismus und in welchen Formen prägt er sich aus? Was bedeutet die Erkrankung für Angehörige und Partner? Und wie können dennoch Pflegeleistungen beantragt werden?

Was ist Autismus?

Bei Autismus handelt es sich im weiteren Sinne um eine Entwicklungsstörung, die als Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wird. Während früher einzelne Typen von Autismus (z. B. Frühkindlicher Autismus, Atypischer Autismus oder das Asperger-Syndrom) unterschieden wurden, spricht man heute von einer allgemeinen Autismus-Spektrum-Störung, die sämtliche Subtypen und Mischformen umfasst.

In aller Regel treten die ersten Symptome einer autistischen Störung schon vor dem 3. Lebensjahr auf. Sie teilen sich in drei Bereiche auf, die von unterschiedlicher Intensität sein können:

  • Auffälligkeiten/Beeinträchtigung der sprachlichen und nicht-sprachlichen Kommunikation
  • Schwierigkeiten im sozialen Umgang (z. B. emotionales Verständnis, Aufbau von Beziehungen)
  • sich wiederholende Verhaltensweisen (Stereotypien), eingeschränktes Interesse

Anders als lange angenommen handelt es sich bei Autismus nicht um eine Krankheit im engeren Sinn. Was Autisten von Menschen unterscheidet, die sich innerhalb der allgemein anerkannten Norm entwickeln, ist die Entwicklung ihres Gehirns. Die Synapsen im Gehirn eines Autisten sind sozusagen anders verknüpft als bei normalen Menschen. Aus diesem Grund haben sie häufig Schwierigkeiten mit belanglosen, einfachen Dingen, während komplexe und schwierige Herausforderungen oft mit spielerischer Leichtigkeit bewältigt werden.

Die Ausprägung und auch die Symptome des Autismus können von Person zu Person stark variieren. Während einige ein weitgehend autonomes Leben führen können und sich fast problemlos im Alltag zurechtfinden, sind andere ihr Leben lang auf Unterstützung und Betreuung angewiesen. Und auch im Bereich der Intelligenz gibt es eine breite Varianz, die von Intelligenzminderung über eine normale Intelligenz bis hin zu Hochbegabung reicht.

Wie wirkt sich Autismus auf die Pflege aus?

Um zu verstehen, wie geistige Beeinträchtigungen mit dem Thema Pflege zusammenhängen, muss man diese zunächst klar von körperlichen Erkrankungen und Behinderungen abgrenzen. Während es bei einer Krankheit, die sich körperlich äußert, offensichtlich ist, dass der Betroffene auf Hilfe und Unterstützung angewiesen ist, ist der Fall bei geistigen Behinderungen wie dem Autismus nicht so einfach gelagert.

Nach außen wirken Kinder und Erwachsene mit Autismus nämlich nicht „krank“ im Sinne von Einschränkungen, die Hilfe bei der Körperpflege und der Ernährung oder eine ganztägige Betreuung erfordern. Und so ist Außenstehenden in aller Regel nicht bewusst, wie groß der Betreuungsaufwand für ein autistisches Kind oder einen autistischen Erwachsenen ist. Wie viel Pflege ein Autist im einzelnen benötigt, ist von Person zu Person so unterschiedlich wie der Grad seiner Autismus-Störung. Während einige Autisten, insbesondere je älter sie werden und mit ihrer Erkrankung umzugehen lernen, nur minimal auf Unterstützung, vor allem im sozialpsychologischen Bereich, angewiesen sind, ziehen sich andere so weit aus der Welt zurück, dass sie rund um die Uhr betreut werden müssen. Sie sind dann nicht in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und müssen bei der Körperpflege und Ernährung unterstützt werden. Weil sich hinter der Fassade aber oftmals eine hohe Intelligenz verbirgt, benötigen Autisten zudem spezielle Fördermöglichkeiten, mit denen sie ihr geistiges Potenzial auszuschöpfen lernen. Eltern mit einem autistischen Kind stehen daher oft einem deutlich größeren Betreuungsaufwand gegenüber als Eltern gesunder, gleichaltriger Kinder.

Die Pflege kann dann z. B. so aussehen, dass Autisten ganztägig betreut werden müssen, weil sie sich andernfalls in sich selbst zurückziehen, das Trinken und Essen vergessen oder weglaufen. Um Autisten einen geregelten Alltag zu ermöglichen und sie auf diese Weise an das alltägliche Leben mit Familie, Schule und Beruf einzugliedern, benötigen sie häufig jemanden, der ihren Alltag strukturiert und ihnen bei der Durchführung dieser Struktur hilft. Das kann beispielsweise ein Angehöriger sein, aber auch ein sozialpsychologisch geschulter Alltagsbegleiter.

Welcher Pflegegrad bei Autismus?

Einen Pflegegrad (früher: Pflegestufe) zu erhalten setzt eine Pflegebedürftigkeit voraus. Diese besteht im gesetzlichen Sinne dann, wenn eine Person aufgrund körperlicher, geistiger oder psychischer Beeinträchtigungen auf Pflege und/oder Unterstützung im Alltag angewiesen ist. Autismus kann in diesem Sinne als Grenzfall betrachtet werden: Geht die geistige Störung mit einer körperlichen Erkrankung oder Behinderung einher, wird ein Pflegegrad (früher: Pflegestufe bei Autismus) aufgrund von medizinisch-pflegerischen Faktoren in der Regel problemlos anerkannt.

Um zusätzliche Leistungen zu erhalten, weil der Autismus einen erhöhten Betreuungsaufwand erfordert, mussten Eltern und Familienangehörige lange Zeit sehr gute Begründungen vorbringen. Seit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) im Rahmen der Pflegereform 2016/17 sind die Chancen, eine Pflegestufe (heute: Pflegegrad) bei Autismus zu erhalten, jedoch deutlich gestiegen: Weil körperliche und geistige Beeinträchtigungen bei der Begutachtung eines pflegebedürftigen Versicherungsnehmers gleichgestellt sind, können auch Menschen mit Autismus, die keine direkte pflegerische Hilfeleistung benötigen, auf Leistungen der Pflegeversicherung zugreifen. Voraussetzung dafür ist, dass sie bei der Bewältigung und Strukturierung ihres Alltags Anleitung und Unterstützung benötigen.

Um zu ermitteln, ob einem Autisten ein Pflegegrad zusteht und wie hoch der Grad der Pflegebedürftigkeit ist, werden verschiedene Lebensbereiche überprüft, die sich in insgesamt 6 Kategorien aufteilen. Dazu gehören auch die kommunikativen und kognitiven Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Einschränkungen der Selbstversorgung sowie die Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte. Kann der Autist sich beispielsweise nicht zeitlich oder räumlich orientieren, Gespräche führen oder Risiken erkennen, ist die Bewilligung eines Pflegegrades (vormals: Pflegestufe) wahrscheinlich. Darüber hinaus werden auch Faktoren wie nächtliche Unruhe, regelmäßige Begleitung zu Arzt- oder Therapieterminen sowie abwehrendes Verhalten, die die Anwesenheit einer Betreuungsperson erfordern, in die Begutachtung einbezogen. Welcher Pflegegrad im Anschluss an die Begutachtung von der Pflegeversicherung bewilligt wird, richtet sich nach individuellen Faktoren und dem Krankheitsbild.

2018-01-22T09:43:46+00:00
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